„Der Hauptfeind ist der Liberalismus!“, Dr. Tomislav Sunic

Deutsche Stimme 2/2013 – Gespräch 

Dr. Tomislav Sunic

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„Der Hauptfeind ist der Liberalismus!“

 

Frage: Herr Dr. Sunic, in diesem Jahr treten Sie erstmals als Redner beim Dresdner Trauermarsch zum Gedenken an die Opfer des alliierten Bombenterrors vom 13./14. Februar 1945 auf. Was verbindet Sie mit Dresden und der wechselvollen Geschichte dieser Stadt?

 

Sunic: Dresden ist nicht nur eine deutsche Stadt oder das Sinnbild eines deutschen Schicksals. Dresden ist auch das allgemeine Sinnbild von zahllosen deutschen und zahllosen europäischen bzw. kroatischen, ungarischen, italienischen, belgischen und französischen Städten, die von den Westalliierten entweder bombardiert oder gar zerbombt wurden. Was mich mit Dresden verbindet, verbindet mich auch mit Lisieux, einem Pilgerort in Frankreich, der von den Alliierten im Juni 1944 zerstört wurde, oder auch mit dem italienischen Pilgerort Monte Cassino, der ebenfalls im Februar 1944 von den Alliierten zerbombt wurde. Oder auch mit der kroatischen Kulturstadt Zadar an  der  adriatischen Küste, die auch von den Alliierten in den Jahren 1943 und 1944 bombardiert wurde. Eine Liste der zerbombten europäischen Kulturstädte hier in der DS* anzuführen, würde eine ganze Bibliothek erfordern – vorausgesetzt, daß diese Bibliothek nicht einmal wieder von den liberalen Menschenverbesserern zerbombt würde.

 

Frage: Das Gedenken im allgemeinen und speziell der Trauermarsch in Dresden ist schon seit vielen Jahren Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Die Linke spricht den Bombentoten schlichtweg ab, Opfer gewesen zu sein, da sie das NS-Regime „gestützt“ hätten, und bis in bürgerliche Kreise hinein wird die Meinung vertreten, man dürfe der Opfer der Bombardierungen nur im „Kontext“ mit dem Nationalsozialismus gedenken. Ist das Ihrer Meinung nach eine typisch deutsche Neurose?

 

Sunic: Man muß es auch umgekehrt betrachten. Soll heißen: Man kann die NS-Epoche nicht verstehen, ohne auch einen Blick auf den früheren kommunistischen Terror zu werfen. Hier stimme ich Ernst  Nolte zu. Klar, die Linke will gerne die Zerstörung von Dresden kontextualisieren – solange Dresden als ihre eigene kausale Entschuldigung für das liberal-kommunistische Verbrechen gilt. Aber von einem anderen kausalen Nexus, wobei Millionen deutsche und europäische Zivilisten von Kommunisten liquidiert wurden – vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg –, will sie überhaupt nichts wissen. Im Klartext sind die Antifas und die Linke die großen Leugner der unvorstellbaren liberal-kommunistischen Verbrechen. Um diese gigantischen Verbrechen besser verschweigen, vertuschen, verschleiern und relativieren, brauchen die Linke und die Antifas das ewige Monsterbild Hitlers und den ewig büßenden, bösen Deutschen. Bezüglich der deutschen Neurose: Das ist auch ein völlig gelungenes klinisches Experiment der Westalliierten. Diese deutsche „Fragebogenmentalität“, diese pathogene Gesinnung der Selbstverleugnung und Selbstentzweiung wurde schon vor vielen Jahren von manchen deutschen Autoren geschildert, wie z. B. Caspar von Schrenck-Notzing, oder Franz W. Seidler. Zudem spielt bei den europäischen und besonders bei den selbsthassenden deutschen Linksintellektuellen die neue politische Romantik eine wichtige Rolle. Es handelt sich hier um eine postkommunistische, modische Mimikry, die der Linken als Ersatz für ihre verlorenen und fehlgeschlagenen kommunistischen Götzen dient. Da es altmodisch und schädlich sein kann, sich heute Kommunist (z. B. Leninist, Trotzkist, Castroist, Maoist, Titoist usw.) zu nennen, wählen sie stattdessen den grammatischen Unsinn mit dem negativen Präfix „Anti“. Der Terminus „ Antifa“ ist ein Ehrenzeichen für sie geworden. Es ist für einen Systemakademiker, Systempolitiker oder einen Systemjournalisten der BRD rentabler sich als Antifa zu beschreiben, statt sich als Altkommunist zu bezeichnen.

 

Frage: Sie selbst kritisieren allerdings in Ihrem Aufsatz „Europäische Identität in der Postmoderne“, der auf Seite 20 dieser DS-Ausgabe zu finden ist, die Viktimologie und den Opferkult, der zur Definition der eigenen Identität oftmals bemüht wird. Kritiker könnten nun einwerfen, auch beim Dresden-Gedenken werde ein solcher Opferkult gepflegt. Was sagen Sie dazu?

 

Sunic: Ob deutsche, ob französische, ob amerikanische Identität, überall im Westen, anders als teilweise in Osteuropa und Rußland, konstruieren die Systemleute ihre neue Identität aus ihren Schuldgefühlen gegenüber Nichteuropäern. Das ist der Hauptbestandteil der Multikulti-Ideologie. Über die Leiden der Deutschen nach dem Weltkrieg, über die soziobiologische Katastrophe, die die Kroaten im Sommer 1945 erlitten haben, hört man kein Wort. Weiße Amerikaner und Europäer müssen ständig durch  Bußrituale ihre neue negative Identität vor der ganzen Welt behaupten.  Die nichteuropäischen Opferlehren schließen die Opferlehren der Deutschen und anderer europäischer Völker aus, die die Opfer der Terrorbombardierung und des Kommunismus waren. Das ist eine pathogene selbstverneinende Identität, deren Zeit bald ablaufen wird. Die Systemakademiker und die Meinungsmacher in der BRD verstehen gar nicht, daß jede Opferlehre im Multikulti-System konfliktstiftend ist: jede Opferlehre beharrt auf ihrer eigenen Einzigartigkeit und gedeiht immer auf Kosten der anderen. Einen Asiaten aus Kambodscha, der in Kalifornien lebt, stört es, wenn man ihm pausenlos etwas über den Leidensweg der Afro-Amerikaner erzählt. Ein Vietnamese aus dem 12. Arrondissement in Paris will auch seine Opferlehre zur Schau stellen. Hier liegt die Schwäche des Multikulti-Systems – letztendlich führt es zur Balkanisierung, zum Bürgerkrieg und dem Zusammenbruch des Systems. Das Schulbeispiel ist der Zusammenbruch des ehemaligen Kunststaates Jugoslawien, wo verschiedene Völkerschaften gegensätzliche Opferlehren gepflegt hatten. Die Folge war nicht gegenseitiges Verständnis, sondern gegenseitiger Haß. Die politische Klasse in der BRD vergißt, daß man langfristig verschiedene Völkerschaften mit gegensätzlichen Opferlehren und Nationalmythen nicht einander anpassen kann. In baldigen Bürgerkriegen in der BRD und der EU werden die weißen Europäer keineswegs die Hauptrolle gegen die Nichteuropäer spielen, sondern die verschiedenen Nichteuropäer werden sich untereinander bekämpfen. Rassismus ist nicht nur ein Merkmal der Europäer.

 

Frage: In letzter Zeit sind sie oft zu Gast gewesen in Deutschland, ob im Juni 2012 als Referent beim Bildungswerk für Heimat und Identität e. V., im November 2012 als gefeierter Redner beim JN-Bundeskongreß oder nun beim Trauermarsch des „Aktionsbündnisses gegen das Vergessen“. Man könnte meinen, Sie hätten eine besondere Affinität zu Deutschland und den nationalen Kreisen hier im Land.

 

Sunic: Zunächst einmal: Das Wort „Affinität“ paßt hier nicht. Deutsch zu sein, ist kein Hobby. Ich bin kein Berufskroate und auch kein Berufsdeutscher. Ich bin Deutscher im metaphysischen Sinne. Es gibt zahllose Deutsche in der heutigen BRD, die undeutsch denken und die am liebsten ihr Deutschtum loswerden wollen. Aus geistiger Sicht betrachtet ist Deutschsein oder nicht Deutschsein eine Frage von Leben und Tod für den ganzen europäischen Kulturraum. Unter anderen historischen Umständen hätte ich eine gute Professorenkarriere in Dresden, Königsberg oder Danzig gemacht. Die Schicksalsschläge haben aus mir einen amerikanischen Staatsbürger gemacht. Deutscher Geist ist nicht eine Frage der Wahl, wie jene zwischen Pepsi oder Cola oder VW und Ford, sondern die Frage der Selbsterkenntnis seines eigenen Schicksals. Nur ein Beispiel: Wenn ich Gottfried Benn oder Schopenhauer lese, kann ich oft meinen Augen nicht trauen. Es kommt mir oft vor, als ob diese Denker meine eigenen Gedankengänge gestohlen hätten.  Das gehört mir!  Diese und andere deutsche Denker und Dichter begegneten mir nicht zufällig – unsere Zusammenkunft mußte irgendwo seit Jahrtausenden in den Sternen liegen. Dazu gehört auch ein anderer neuzeitlicher Aspekt. Seit Karl dem Großen war das kroatische Volk mit dem Deutschtum verbunden, danach war Kroatien jahrhundertlang ein Teil des Habsburger Hauses. Die Kroaten kämpften im Dreißigjährigen Krieg, später im Siebenjährigen Krieg in Schlesien. Ganz zu schweigen von der gemeinsamen Waffenbruderschaft im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ich kann nicht ausschließen, dass auch meine Gene irgendwo in Ostpreußen herumziehen.

 

Frage: In Den Haag wurden kürzlich die kroatischen Generäle Ante Gotovina und  Mladen Markac freigesprochen, denen Kriegsverbrechen im Jugoslawien-Krieg vorgeworfen wurden. Auf den Straßen Ihrer Heimat Kroatien wurde das Urteil von den Menschen gefeiert. Viele Kommentatoren sahen dies als Ausdruck eines ungebrochenen Nationalismus. Wie bewerten Sie die Sache?

 

Sunic: Es ist schon merkwürdig, daß das Haager Tribunal Ante Gotovina und Mladen Markac überhaupt freigesprochen hat, besonders im Hinblick auf den letztjährigen ersten Rechtsspruch, der eine Haftstrafe von 24 bzw.18 Jahren für die beiden vorsah. Was hinter dem jetzigen Freispruch steht, weiß ich nicht. Aber der kroatische Nationalheld Gotovina ist auch französischer Staatsbürger; das militärische Hauptquartier in Kroatien hatte im Sommer 1995 vor dem Großen Feldzug „Oluja“ („Sturm“) manche Kontakte zu verschiedenen westlichen Agenturen. Über die Motive der letzten Gerichtsentscheidung läßt sich jetzt bis zu zum Jüngsten Tag spekulieren. Es ist jedoch Tatsache, daß die Kroaten ein größeres Nationalbewußtsein haben als die Deutschen mit ihrem Nationalmasochismus. Aber größtenteils ist der kroatische Nationalismus reaktiver, kleinstämmiger Natur, der insoweit besteht, als er sich als Anti-Serbentum behauptet. Das ist  schlimm, das führt nicht zu echter Versöhnung mit den Serben. Diesen verspäteten Klein-Nationalismus des 19. Jahrhunderts müssen wir abwerfen, ob es um die Deutschen gegenüber den Polen, die Ungarn gegenüber den Rumänen, oder ob es um Wallonen gegenüber Flamen geht. Immer wieder sollten wir uns fragen: „ Wem nützen zwischeneuropäische Zwiste und Kriege?“ Eine Wiederbelebung der Reichsidee ist unsere einzige Chance.

 

Frage: Kroatien strebt nach wie vor einen Beitritt zur EU an, die sich immer mehr zu einem europäischen Bundesstaat entwickelt und nationale Souveränitätsrechte ihrer Mitgliedsstaaten an sich reißt. Der Verteidigungsminister der Schweiz, Ueli Maurer, ein SVP-Mann, meinte kürzlich, nur Verrückte würden der EU noch beitreten wollen, und der scheidende Präsident der Tschechischen Republik, Vaclav Klaus, hätte sein Land am liebsten schon längst aus der EU herausgeholt. Warum wollen die Kroaten, die sich ihre nationale Souveränität vor einigen Jahren hart erkämpften, unbedingt in die Europäische Union?

 

Sunic: Eine Korrektur bitte. Während des jüngsten Volksentscheides über den EU-Beitritt in Kroatien gingen ca. 40 Prozent der Staatsbürger Kroatiens zu den Urnen und ca. 60 Prozent davon stimmten für den EU-Beitritt. Das sagt doch schon alles! Der heutige Parlamentarismus, wie uns schon der Staatsrechtler Carl Schmitt belehrte, ist das perfekte Mittel, um die Bürger auf elegante Weise auszutricksen. Eigentlich kann ich Ihnen die Frage stellen, ob es einen Volksentscheid in der BRD gab im Jahre 1992, vor der Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages, oder 1999 zur Frage der Einführung des Euro? Im Grunde steht Kroatien auch unter dem Druck der EU, die dringend einen psychologischen Ersatz nach ihrem fehlgeschlagen Randexperiment mit Griechenland sucht.

 

Frage: Abschließend eine Frage zu Ihren serbischen Nachbarn. Dort amtiert seit Juni 2012 mit Tomislav Nikolic ein nationalistischer Politiker, der, glaubt man den Veröffentlichungen, ein Großserbien anstrebt und den Kroaten extrem feindlich gesonnen ist. Wie bewerten Sie den Wahlsieg Nikolics – und wie wird sich Ihrer Meinung nach das kroatisch-serbische Verhältnis nun entwickeln?

 

Sunic: Eigentlich kommt mir das serbische Staatsoberhaupt Tomislav Nikolic relativ sympathisch vor. Zumindest hat er keine altkommunistischen und titoistischen Wurzeln in seinem Stammbaum. Im Grunde sehe ich kein Problem mit serbischen Nationalisten, solange wir unsere historische Narrative in einem echten und objektiven Rahmen aufstellen. Das ist noch nicht der Fall, da die ehemaligen Kommunisten und ihre selbsternannten liberalen Sprößlinge im heutigen Kroatien und Serbien das große Wort führen. Der Hauptfeind Serbiens und Kroatiens sind das  Jugoslawentum und die Ex-Kommunisten. Es ist falsch zu behaupten, die Serben und Kroaten würden sich seit jeher hassen. Ihr gegenseitiger Haß begann erst mit der Entstehung des Zwangsstaates Jugoslawien im Jahre 1919 und dann nochmals nach der Wiedergeburt des zweiten Jugoslawien 1945. Jugoslawien wurde von den westlichen  Mächten am Leben  gehalten, zuerst von den Versailles-Architekten und dann, von 1948 bis 1990, von den Potsdam-Weltverberbesserern. Die kommunistischen jugoslawischen Hofhistoriker hatten von 1945 bis 1990 den Mythos von den bösen Nazi-Kroaten, die hunderttausende Serben ermordet hätten, am Leben gehalten. Daran hat sich bis heute nicht viel in der serbischen Historiographie geändert. Das ist gefährlich. Deswegen brauchen beide Staaten dringend eine radikale Entkommunifizierung, nicht nur in politischen und zeitgeschichtlichen Bereichen, sondern auch eine volle geistige Entkommunifizierung sowie die Wiederbelebung der europäischen Reichsidee. Das Drama zwischen Serben und Kroaten kann nur im großeuropäischen Rahmen gelöst werden, was unbedingt auch die komplette geistige und historistische Souveränität Deutschlands voraussetzt. Der Hauptfeind des kroatischen, serbischen, deutschen, polnischen und aller anderen europäischen Völker liegt nicht im ersten europäischen Nachbarn, sondern im Liberalismus und seinen zersetzenden multikulturellen Ablegern.

 

Herr Dr. Sunic, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview führte DS-Redakteur Thorsten Thomsen

 

 

Zur Person: Dr. Tomislav Sunic, 1953 in Zagreb geboren, ist kroatischer und US-amerikanischer Staatsbürger. Sein Vater, der katholische Rechtsanwalt Mirko Sunic (1915 – 2008) wurde im kommunistischen Jugoslawien verfolgt und zwischen 1984 und 1988 inhaftiert. Dr. Sunic studierte Philologie und Literaturwissenschaft an der Universität Zagreb, arbeitete später als Übersetzer in Algerien und ging Anfang der 1980er Jahre in die USA, wo er Politologie studierte und an der University of California sein Doktorat machte. Er war als Professor für Politikwissenschaft tätig. Von 1993 bis 2001 gehörte er dem diplomatischen Dienst Kroatiens an. Heute lebt Dr. Sunic wieder in Zagreb, ist als Buchautor, Publizist und weltweit als Vortragsredner tätig. Er gehört in den USA dem Vorstand der „American Third Position Party“ (bzw. „The American Freedom Party“) an. Die Netzseite von Dr. Sunic ist unter www.tomsunic.com abrufbar.

 

 

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