Vom Gedenkjahr bis zum Todesjahr, DIE AULA (Graz, Juli & August, 2014)

DIE AULA (Graz, Juli & August, 2014)

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Vom Gedenkjahr bis zum Todesjahr

Dr. Tomislav Sunic

Jedes Gedenkjahr bringt die Erinnerung an vergangene Zeiten, die man entweder aufs neue wiederbeleben möchte oder für Andersdenkende als politisch-pädagogisches Jahr der Mahnung anzuwenden versucht. Das deutsche Wort „Gedenkjahr” läßt sich nicht leicht in andere Sprachen übersetzen, und oft ruft dieses Wort bei anderen Völkern schwere Mißverständnisse hervor. Das Wort „Gedenkjahr” wird auf Englisch oder Französisch zu-gleich als „Erinnerungsjahr” und als „Jubiläumsjahr” übersetzt — zwei völlig gegensätzliche politische Begriffe!

Je nach verschiedenen Völkern und ihren historischen Gesinnungen kann ein Gedenkjahr als Hoffnung, Freude, Sehnsucht, aber auch als Ermahnung, Androhung von Strafe und als Angstmittel benutzt werden. Im bezug auf unser eigenes Gedenkjahrfeiern erinnern wir uns heute an unsere Lebensdauer und schwärmen gerne von einem fröhlichem Datum in unserer Volksgeschichte. Auch wenn man seinen Geburtstag glücklich feiert und wenn man noch dazu als uralter Greise ein gutes Gedächtnis behält, wie z.B. Ernst Jünger oder Johann Wolfgang Goethe, dann kann man sagen, daß das Leben einen gewissen Sinn gehabt hat.

Auch wenn man seinen 60. Jahrestag hinter sich hat, soll man sich fragen, wozu man mehr Gedenkjahre braucht. Der französisch-rumänische Ultranihilist und Kulturpessimist, der Philosoph Emile Cioran, hat geschrieben, man sollte nicht länger als 40 Jahre leben. Anläßlich seines 70. Geburtstages sagte Cioran, daß ihm von nun an weitere Glückwünsche grotesk vorkommen. Einige Jahre vor seinem Tode, in einem Interview im Jahre 1987 für den französischen Herausgeber Laurence Tacou der Cahiers de L‘Herne, sagte er: „In fünf-zig Jahren wird Notre Dame eine Moschee sein.”

Im Gegensatz dazu, wenn feindliche Völker oder Gruppen der Jahrestage ihrer eigenen politischen Katastrophen gedenken, sind sie oft geneigt, das Schlagwort „Nie wieder” zu gebrauchen. Gedenkjahre können sich dann in Sinnbilder der Todesjahre und Mahntage schnell umwandeln, besonders wenn sich feindliche Völker und Gruppen ihre endlose Gedenkjahre und ihre Opferlehren auf Kosten anderer Völker zusammenbasteln. Dann wird es ernst.

Jahrestage—Gedenktage

Wir erinnern uns heute auch an den Jahrestag des Wiener Kongresses von 1814, der in Europa die staatlichen Grenzen neu gezogen hat. Wir erinnern uns auch ans Jahr 1914, das mit dem neuen Dreißigjährigen Krieg in Europa begonnen hat und uns das Zeitalter der Massenmorde und Massenvertreibungen eingebracht hat. Alles ist prima und schön mit den Jahrestagen, wenn kein Ernstfall am Horizont lauert.

Solch eine lineare und optimistische Denkweise, die direkt vom Zeitalter der Aufklärung stammt, ist sehr problematisch. Sie verhindert, daß heutige Bürger einen vollständigen Einblick in die zyklische Gedankenwelt ihrer Vorfahren bekommen. In unserem sogenannten aufgeklärten und freiheitsliebenden System sind die Bürger in die bizarren in-fra-politischen Jahrestagsfeiern verstrickt, in einer Vielzahl von hagiographischen Erzählungen aus und nach dem Zweiten Weltkrieg. Demzufolge wird jede Kritik an den offiziellen Gedenktagen des Systems als kriminelles oder pathologisches Verhalten interpretiert. Wie kann man heute den „Jahrestag der Demokratie” oder den „Jahrestag der Menschrechte” kritisieren, ohne dafür bestraft zu werden?

Ich hoffe, unser Kollege Dietmar Munier und die Zeitschriften die DMZ und ZUERST! werden uns noch gute pädagogische Zukunft bereiten. Wir bedürfen dringend eines neuen Jahrestages der Aufklärung und einer Entmythologisierung unserer Zeitgeschichte. Es nützt nichts, über die heutige geistige Lage zu lamentieren, wie das oft bei vielen unserer Kollegen der Fall ist. Zweckpessimismus wird oft von vielen unserer Kollegen als Alibi für Nichtstun und Passivität verwendet. Der Geschichtsverlauf jedoch bleibt offen und bietet uns immer wieder neue Chancen.

Das Problem stellt sich jedoch, wenn eine historische Trennung in den Zeitverlauf plötzlich einbricht und wenn demzufolge alle Glückwünsche in Todeswünsche umkehren, dann wird der Jahrestag zum Todestag umgewandelt. Viele einst angesehene und bekannte Politiker aber auch viele große Denker und Dichter aus unserer Geschichte sind heute das Sinnbild des Schreckens geworden und ihr Name wird von den Systemleuten für die Begründung ihrer negativen Legitimität benutzt.

Das System benötigt solche Schreck-gespenster als Symbole für ihre Legitimität, um damit auf seine eigenen Gutmenschen besser verweisen zu können. Was wäre Europa heute ohne die zahllosen Gedenktage, an denen die Faschismuskeule ausgepackt wird? Wahrscheinlich würde die Europäische Union zusammenbrechen, und ihre Architekten würden arbeitslos sein. Wir denken selten an die bestehende Bindung zwischen Jahresta-gen, Mahntagen und Todestagen. Man vergißt oft, daß zwischen Jubiläum und Gedenktag, zwischen Verherrlichung und Verleumdung, zwischen Leben und Tod eine empfindliche Grenzlinie besteht.

Wenn der Ernstfall beginnt oder — anders gesagt — wenn der historische Umbruch eintritt, wird man Zeuge eines Trauerspiels, wobei dieses Trauerspiel eine dauerhafte politische Neurose bei einem Volke verursachen kann. Das hat uns Carl Schmitt in seinem kleinen Buche Hamlet und Hekuba mitgeteilt, namentlich mit seiner Schilderung des plötzli-chen Einbruchs der politischen Zeiten in ein relativ sorgloses und apolitisches Leben. Anders gesagt, wenn morgen oder übermorgen der Ernstfall in unsere Spaßgesellschaft einbricht, werden wir anders unserer Jahrestage gedenken.

Erinnerungskultur

Solche Zeitzäsuren sind vielen unserer Bekannten in der modernen Massengesellschaft nicht bewusst. Viele glauben noch immer an die Fortschrittstheologie, an ein Happy End, wo das Gute immer obsiegt. Das ist falsch. Nur jene von uns, mit scharfem Sinn für die Tragik und mit verlängertem Geschichtsbewusstsein, können das nachvollziehen. Wir leben ohne Illusionen. Im Juni 1941, zum Beispiel, war die seelische Lage bei den meisten Kroaten anläßlich der Gründung ihres Staates anders, als dies im Juni 1945 war. Im Juni 1941 war die allgemeine Freude des kroatischen Volkes auf ihrem Höhepunkt. Vier Jahre später, im Juni 1945, war Kroatien von der Landkarte verschwunden.

Im Jahre 1991 waren die meisten Kroaten voller Freude wegen des Wiederentstehens ihres Staates, was im Gegensatz zur heutigen Lage steht, wo nämlich viele kroatische Bürger sich mehr und mehr über die weitere Zweckmäßigkeit ihres Staates Gedanken machen. Schon Schopenhauer lehrte uns, daß zu viel Optimismus immer ins Gegenteil umkehren kann.

Ein weiteres Problem mit Jahrestagen liegt ihren Aufzeichnungen. Nach jedem Umbruch haben die neuen Meinungsmacher immer das letzte Wort über die Neuwahl der Jahrestage. Mancher heutiger Jahrestage wird in der BRD, aber auch anderswo in der EU gedacht, als müßten sie für alle Ewigkeit ihre Gültigkeit bewahren. An jedem 27. Januar haben wir den Holocaustgedenktag, den Auschwitz-Befreiungstag, (Man kann sich freilich fragen, was die Rotarmisten auf ihrem Wege zur Auschwitzbefreiung in Ostpreußen alles zuvor befreit hatten). Im Dezember feiern wir den Menschenrechtstag, dann im März den Frauentag. In den USA Fällt der Martin-Luther-Gedenkfeiertag auch in den Januar.

Bald werden wir auch in unserem Wandkalender den Schwulen- und Lesbentag und Transvestitentag verzeichnen müssen. Die Katzenliebhaber und die Krokodilverehrer werden sich bald den Jahrestag für ihre Lieblinge erkämpfen. Wir leben in einer Museums-Erinnerungskultur, wobei der verlorenen Stämme oder der Spezies aus allen Herren Ländern gedacht werden sollen. Zum Beispiel gibt es in der BRD und in Mitteleuropa mehrere Fundorte der ausgestorbenen Neandertaler. In Kroatien, ganz in der Nähe, wo ich wohne, gibt es ein Dorf mit dem Neandertalermuseum, wo man eine große Ansammlung von Resten der Neandertaler gesammelt hat. Es ist nicht ausgeschlossen, daß in den folgenden Jahren ein Staat oder einige Regierungen Nordafrikas oder Vorderasiens sich bemühen werden, das Wiedergutmachungsgeld von kroatischen oder deutschen Behörden auf Grund ihrer angeblichen Verwandtschaft mit den verstorbenen Neandertalern und der angeblichen Ausrottung der Neandertalern seitens kroatischer und germanischer Vertreter des homo sapiens zu verlangen. Deutsch zu sein, heißt heute, ein braver Zahlmeister zu sein.

Selektive Erinnerungskultur

Im Gegensatz dazu geraten ehemalige Jahrestage kollektiv in Vergessenheit. Wer er-innert sich noch an den Jahrestag der Londoner Beneš-Dekrete von 1944, die im März 1946 von der neuen tschechischen Regierung gebilligt wurden, um damit die Massenvertreibungen der Deutschen zu legitimieren? Wir haben aus unserer Geschichte schon gelernt, daß jeder schöner Jahrestag schnell ins Symbol des absoluten Bösen umgewandelt werden kann. Ein heldenhaftes Zeitalter kann von den nachfolgenden Zeiten als terroristisches Zeitalter umgedeutet werden. Demzufolge werden die Jahrestagsfeste nicht länger zu Jubiläumsfesten bestimmt, sondern übernehmen statt dessen die Rolle der Mahntage. Außerdem dienen sie als die Basis für neue Identität der neuen herrschenden Klasse. Die herrschende Klasse erbaut sich danach — neben ihrer eigenen Opferlehre — auch ihre offizielle Dämonologie, deren Arsenal die Bürger oder das ganze Volk in Angst, Schrecken und Selbstzensur versetzen soll. Das ist nichts Neues.

Die Inkarnation des Bösen finden wir bei den alten Griechen und ihren Rachegöttinnen und später bei unseren Hexen. Die heutigen Jahrestage werden von heutigen Systempolitikern zu großartigen Feierlichkeiten hochstilisiert, wobei die alten Weisheiten totgeschwiegen oder als Sinnbilder absoluter Grausamkeit dargestellt werden. Die neue systembedingte Erinnerungskultur der Andersdenkenden spielt in Europa eine außerordentlich große Rolle, besonders in der Identitätsbildung der EU. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sagte im Februar 2005 vor der Knesset in Jerusalem, daß „die Verantwortung für die Shoah ein Teil der deutschen Identität ist«. Was Köhler sagte, betrifft nicht nur das deutsche Volk, sondern alle Völker und alle Staaten Europas inklusive die Vereinigten Staaten. Die Opferlehren nichteuropäischer Völker sind zum größten Teil die neue Zivilreligion des Abendlandes geworden.

Anpassung oder Abgrenzung?

Alles hat seinen Preis. Auch die Freidenker und unsere nonkonformistisch. Publi-zisten, ganz zu schweigen von den kompromißlosen, aber seltenen Akademikern in der BRD und anderswo in der EU, müssen allesamt einen hohen Preis für ihr tägliches Brot zahlen. Tatsächlich kosten die Zeitschrift DMZ und ZUERST! auch Geld. Doch zumindest sind diese Zeitungen bis jetzt systemkritisch und objektiv geblieben. Letztendlich, alles hängt davon ab, ob ein Journalist, ein Schriftsteller oder ein Akademiker mit dem System kooperieren will, um sich damit ein sicheres Leben für sich und seine Familie erschaffen zu können, oder ob er bereit ist, als Freidenker ein Leben eines Ausgegrenzten zu leben.

Klar, die Trennungslinie zwischen Vorsichtigkeit und Selbstzensur ist oft nicht sichtbar. Oft ist es peinlich, sie zu entschlüsseln. Vorsichtigkeit kann auch Feigheit sein. Im Gegensatz dazu können Entscheidungskraft und Mut zur Freiheit oft gegensätzliche Folgen haben, die Jahrzehnte danach katastrophale Auswirkungen für jüngere Generationen haben können. Der junge Hamlet und der junge Faust waren scharfe Denker mit großem Einfühlungsvermögen für die Welt der Andersdenkenden und Andersartigen. Jedoch waren beide Neurotiker und ohne irgendwelche Entscheidungskraft. Immer mußten die bösen Geister für sie die Entscheidung treffen.

Der andere Typus sind unsere bewaffneten und kampflustigen Helden wie der junge Recke Siegfried aus dem Nibelungenlied oder der junge Achill aus der Ilias. Beide hatten keine Furcht vor ihrem vorzeitigen und vorgeahnten Tod, da für die beiden der Tod ewiger Ruhm hieß. Aber die beiden haben mit ihrem rücksichtslosen, obgleich wohlgemeinten Verhalten großen Schaden ihrer Sippe zugefügt. Ich weiß nicht, welches Modell zu empfehlen wäre. Vielleicht eine Mischung zwischen Recke mit Kampfesmut und Dichter mit Schöngeist? Ein Anarch in jüngerscher Lebensweise?

Das haben wir in unserer Geschichte auch schon erlebt. Ein langes ich-bezogenes Leben als Fachidiot und Bücherwurm zu leben oder als ein uralter Greis ständig über die Systemlügen oder über seine eigene Inkontinenz zu grübeln, ist wohl ein Zeitverlust. Als namenloses Schaf lange zu leben ohne jede Nachwirkung an seine Mitwelt, ist sinnlos. Allerding auch die friedlichen Schafe müssen sterben, nämlich gewöhnlich nach zehn oder zwölf Jahren, auch wenn es keine Wölfe in der Nähe gibt.

Eigener Rückblick

Vor 42 Jahren war ich auch jung oder vielleicht war ich schon uralt. Ich weiß nicht, wie ich meine Jugend überlebt habe. Ich suchte damals auch einen Gedenktag, den ich gut imitieren konnte — damals als Hippi in Indien mit meinen eigen. Annäherungen, Gefährlichen Begegnungen und meinen Strahlungen, wenn ich hier Ernst Jünger paraphrasieren darf — ohne einen Pfennig in der Tasche. Zum Glück habe ich früh gelernt, daß man besser das System mit gutem Anzug und Doktortitel bekämpfen kann als mit langen Haaren und Ohrringen. Ich schließe meine Rede mit den Versen der Musikgruppe Böhse Onkelz aus ihrem Lied, „Der Preis des Lebens“:

Der Preis des Lebens ist der Tod

Deshalb hab’ ich dich geholt

Du lebst für mich

Und jetzt nehm’ ich dich

In meine Arme, in meine Arme

Ich mache keinen Unterschied

Zwischen jung und alt

Ob du arm oder reich bist

Läßt mich kalt

Ich heiß’ euch alle willkommen.

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