DIE AULA (November 2012), Kroatiens Schutzheilige; Das Haus Habsburg und der neue Reichsgedanke

 

Dr. T. Sunic (www.tomsunic.com) ist Schriftsteller und ehemaliger US Professor für Politikwissenschaft, sowie Vorstandsmitglied der A3P, USA. Dieser Aufsatz ist die Kurzfassung des Vortrags, den der Verfasser für die Herren des St. Georgs- Ordens unter Schirmherrschaft Kar von Habsburg in Varaždin, Kroatien, am 29.9. 2012 hielt.

Das Wort „Reich“ oder „Reichsgedanke“ ist heute ein Schimpfwort geworden. Nach der neuen politisch-korrekten Sprachregelung lösen diese Worte bei den BRD- oder Österreich-Politikern ein ungutes Gefühl aus. Wenn man das weiter denkend zugespitzt ausformulieren wollte, können wir auch die deutsche Sprache als zu dem Abfall zählend entsorgen. Das Wort Reich erinnert viele Leute, besonders in Amerika, aber auch in England an etwas unheilvolles, bedrohliches, an einen sprichwörtlichen Hitler — und an das Dritte Reich. Aber die Reichsidee hat eine tausendjährige Geschichte und diesem Worte begegnete man auch in der Weimarer Republik und in der Nachkriegs-BRD. Eigentlich könnte man sagen, dass die EU auch manche Züge des Heiligen Deutschen Reiches trägt, oder zumindest hätte tragen sollen.

Aber die Reichsidee ist auch eine Frage der Identität. Diese Idee war lange Zeit gleichwohl auch – im Übertragenen Sinne – ein Schutzheiliger der Mitteleuropäer. Dennoch sind die Wörter „Identität“ oder „Reichsidee“ nicht sehr angemessen für tiefere gesellschaftliche Analysen, da diese Worte mehrdeutig sind und auch falsche Bedeutungen einschließen können.

Im Mitteleuropa von gestern, während der Donaumonarchie im Heiligen Deutschen Reich hatte jede Stadt, jedes Dorf, jeder Stand seinen jeweiligen Schutzheiligen der jeden Bauer, jeden Bürger, jeden Ritter mit Mut oder Macht versorgte. Die Schutzpatrone im heutigen Europa sind nicht mehr die Heiligen wie Sankt Georg, oder Sankt Michael oder Sankt Isidor, sondern vielmehr Fußballspieler, Filmemacher, Hollywoodstars — oder die europäischen Zentralbankspekulanten. Das hat Oswald Spengler treffend schon vor einhundert Jahren vorausgesagt, nämlich dass die wurzellosen Bürger Europas immer eine „zweite Religiosität“ gebrauchen. Anstelle der alten Identitäten werden jetzt neue Schutzheilige bzw. “Götzen“ verehrt. Weiterhin schreibt Spengler: “Dem entspricht in der heutigen europäisch-amerikanischen Welt der okkultistische und theosophische Schwindel, die amerikanische Christian Science, der verlogene Salonbuddhismus, das religiöse Kunstgewerbe.. (..)“. Solchen „zweiten Religiositäten“ bzw. „Ersatzschutzheiligen“ begegnet man heute überall in Europa. Unsere neuen Schutzheiligen sind die Abbildung einer Gesinnung die aus Amerika stammt, und die sich in einem besonderen politischen Moralismus und der Schönrederei manifestiert. Die amerikanische politische Klasse und ihre eifrigen Nachahmer in der EU stellen sich heute als neue Schutzheiligen  einer neuen Art von Weltverbesserung vor.

Reichsidee als Chance. Die Belebung der Reichsidee kann das beste Mittel für europäische Völker heute sein. Sie kann ein gutes Mittel gegen wurzellosen Globalismus und gegen Chauvinismus sein. In Osteuropa ist die interethnische Lage weiterhin gespannt. Hier sind manche Beispiele. Die nationale Identität eines polnischen Nationalisten, der sonst über alle Themen mit seinem Kollegen aus Deutschland übereinstimmen kann, wie z.B. ihre gemeinsame Globalismus-Kritik oder ihr Antikommunismus, oder Antikapitalismus, ist oft gerade in seinem Antideutschtum verankert. Ein Drittel der Ungaren, bzw. mehr als 2 Millionen Menschen, leben in der Slowakei, Serbien und Rumänien und ihre nationale Identität wird oft durch ihre Ablehnung der Nachbarvölker behauptet. Trotz eines Scheinfriedens zwischen Serben und Kroaten haben diese benachbarten und ähnlichen Völker zwei völlig verschiedene historische Erzählungen und zwei völlig gegenseitig feindliche Opferlehren. Kurz gesagt, die Serben und Kroaten weisen trotz ihrer erstaunlichen Ähnlichkeit zwei sich radikal und gegenseitig ausschließende Identitäten auf. Für einen kroatischen Nationalisten ist es schwer, „ein guter Kroate“ zu werden, ohne sich zuerst als „guter Anti-Serbe“ zu beschreiben.

Nach dem Zerfall des Hauses Habsburg kam die Reichsidee in 1918 zu ihrem Ende. Aber das Zeitalter des ewigen Friedens trat nicht ein. Ganz im Gegenteil. Der Zeitverlauf des 20.ten Jahrhunderts, dieses Mal auch ohne Habsburger, geriet gleich in den fünften Gang. 1945 war eine biologische Katastrophe für das kroatische Volk aber auch für unzählige deutschstämmige Bürger Kroatiens, die diese Gebiete während des Kaisers Leopold und der Kaiserin Maria Theresa besiedelt hatten. Eine zeitlose aber nutzlose Konjunktivfrage: Was wäre geschehen, wäre die Donaumonarchie nicht zusammengefallen? Was würde Prinz Eugen zur heutigen Lage in Wien sagen?

Der Sankt Georgs -Orden hatte im 14. Jahrhundert das Erbe der Kreuzritter gegen die Andersgläubigen, die damals nach Mitteleuropa hineinrasten, übernommen – nicht um die Menschenrechte oder die Integration zu predigen, sondern um ihre eigenen Werte, ihre eigene Religion den Europäern aufzuerlegen. Damals waren die Sankt Georgs- Ritter nicht die Menschenverbesserer die eine Multikulti-Vielfalt predigten, vielmehr mussten sie sich gegen die herrschende Türkengefahr wehren. Hätte der Orden des Heiligen Sankt Georg den Pazifismus gepredigt, würde Varaždin heute ganz anders aussehen. Im jenem Ernstfall bedeutete „Leben heißt töten“ — wie der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger einst schrieb, oder noch treffender formuliert, „ein freier Mann ist ein Kämpfer“, wie Nietzsche einst schrieb, und auch wie die kroatischen Freiwilligen vor 20 Jahren während der Verteidigung in ihrem Unabhängigkeitskrieg gezeigt haben.

Reich ungleich Empire. Die Idee des Reiches hat nichts gemeinsam mit dem Begriff des Imperiums, dem wir in der Geschichte Frankreichs und Englands begegnen. Und deswegen ist das Wort Reich unübersetzbar und seine politische Anwendung sollte nicht mit dem englischen, bzw. französischem Worte „Empire“ verwechselt werden. Zentralismus hatte immer eine große Rolle in der Entstehung des französischen Empires gespielt – und später in der Geburt des modernen Nationalismus. Das war nie der Fall im Habsburgerreich, wo die vielvölkischen, übernationalen und föderativen Strömungen jahrhundertlang das leitende Prinzip der Regierenden waren.

Die Reichsidee schließt den rabiaten Nationalismus aus und findet im Gegensatz dazu sein Hauptziel nur in der Vielfältigkeit seiner Reichsvölker begründet. Im Rückblick sehen wir das katastrophale Erbe der Nationalstaaten, die uns in den letzten einhundert Jahren verheerende Bürgerkriege, falsche Nationalmythen, ständige territoriale Auseinandersetzungen, Landräuberei und Kleinstaaterei hinterlassen haben. In einer idealen jedoch möglichen europäischen Zukunft, sollte die Wiederherstellung des europäischen Reiches in Mitteleuropa unsere einzige Lösung sein. Damit würden die verfeindeten europäischen Völker, wie etwa Serben und Kroaten, Ungarn und Rumänen, Slowaken und Tschechen, oder Polen und Deutsche ihre nationale und territoriale Souveränität behalten, ihre einzigartige Identität weitererhalten, und ihre geistigen Ansprüche am besten verwirklichen.

Aber jede erneute Reichsidee setzt bedingungslos eine neue Wertehierarchie voraus, die ganz im Gegensatz zu der heutigen liberalistischen Wertegemeinschaft steht. Im heutigen egalitären, ökonomistischen System, wo das Geld regiert, und wo die Gleichmacherei der Individuen und Kulturen die leitende Rolle spielt, kann die Reichsidee nicht funktionieren. Reich bedeutet nicht nur einen geopolitischen Großraum, sondern vielmehr eine geistige und transzendentale Pflicht für ihre Bürger.

Otto von Habsburg war ein großer Befürworter der Reichsidee, aber auch der EU – sehr wohl war er dennoch, auch ein scharfer Kritiker der EU. Von ihm sollten heute viele Eurokraten etwas lernen. Kurz vor seinem Tode hat sich der Kronprinz Otto von Habsburg mehrere Male kritisch gegenüber den Eurokraten geäußert. In einem Interview in der Bild-Zeitung vom 27.Juni, 2007 sagte er: „Nehmen Sie unsere Bürokratensprache. Das ist eine eigene Sprache, die kein Mensch versteht. Kein normaler Mensch versteht einen Brief von einer (EU) Behörde. Von Kaiserin Maria Theresa gibt es den schönen Satz: `Ein Gesetz ist erst dann gültig, wenn selbst der letzte Schweinehirte in Galizien es verstehen kann.’ “

An Stelle Galiziens kann man heute das Wort „Kroatien“ einsetzen. Es ist auch gar kein Zufall, dass gegenwärtig halbherzige, kroatische Diplomaten kein Wort Deutsch sprechen, sondern sich mit ihren österreichischen oder ungarischen Homologen auf gebrochenem Englisch unterhalten sollen. Das ist ein langer Weg von der diplomatischen Akademie, von Maria Theresa gegründet, ganz zu schweigen von den mehrsprachigen Kaisern und Feldherren wie Karl V, Prinz Eugen, oder Otto von Habsburg. Diese Leute waren echte Europäer im Gegensatz zu jetzigen Brüsselern oder Agramer Bürokraten.

Was heißt die Reichsidee für das kroatische Volk heute? Gar nichts. Viele haben gar keine Ahnung davon. Um von den Euro-Kommissaren gute Zeugnisse für ihr politisch korrektes Benehmen zu bekommen, bemühen sich die aktuellen kroatischen Politiker den öffentlichen Diskurs auf Linie zu halten. Die benutzen leere Worte, wie „Globalismus“, „Multikulturalismus“, „EU-atlantische Integration“, ,‚Transparenz“ oder „Freie Marktwirtschaftsdemokratie“ — ohne zu wissen was diese Worte bedeuten. Die meisten kroatischen Politiker heute sind sowieso vom Kommunismus kontaminiert. Kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens redeten sie über die Ewigkeit des Titoismus. Jetzt dozieren sie über die ewige EU und von der liberalen Demokratie. Eine neue Form der Mimikry, eine neue Form des Gesinnungsterrors ist entstanden, sehr ähnlich der Mimikry im Ex –Jugoslawien, nur mit andern Worten.

EU ähnelt Jugoslawien. Auch die EU-Kommissare haben gute Kumpane in den kroatischen Post-Kommunisten gefunden. Sie waren aber schon echte Freunde während der Tito-Zeit, als Tito für viele westliche Meinungsmacher und Politiker als der große Suchuzpatron der Jugo-Völker galt. Die beiden Seiten heute, ob im Osten, ob im Westen, beharren auf der Erhaltung der EU, weil dieser überstaatliche Apparat sehr stark Ex-Jugoslawien ähnelt und vermeintlich am besten die gemeinsame „Unpolitik“ der EU, besonders im Bereich der Transferunion deckt. Ja die Deutschen und die Michels sollen immer wieder zahlen!

Der Zusammenbruch Jugoslawiens, und der Krieg auf dem Balkan, und der Extremnationalismus ebenso  waren eine logische Folge des Mangels an der Reichsidee. Die Fehlgeburt, das sogenannte Jugoslawien, wurde 50 Jahre hindurch finanziell vom liberalen Westen und vom kommunistischen Terror abgeschirmt und abgesichert. Ähnlich wie ihre Vorgänger haben die heutigen kroatischen Eliten einen soliden Pedigree aus kommunistischen Systemzeiten. Trotz ihrer ultra-liberalen Phraseologie können sie heute kaum ihre kommunistische Gesinnung verbergen. Ihre volkslose Morphologie, obgleich in verschiedenen Modifikationen jetzt eingepackt, kann man täglich in Kroatien beobachten.

Das Reich damals und ganz besonders seine grenzgängigen Randvölker wie Kroaten, waren vom 15. bis zum 19.Jahrhundert nicht gerade ein Spaßplatz, wo man nackt an einen kroatischen Strand gehen konnte und sich 24 Stunden am Tag zu Tode soff. Der ganze Großraum von Kärnten bis nach Mazedonien war ein Schreckensplatz, dort wo man militärisch sein Lebenstalent ausüben musste. Mit den Worten „Renner und Brenner“ bezeichneten damals die Reichsbürger Kärntens die Türkenhorden, die es fast bis zu den Alpen und fast bis Venedig schafften. Übrigens wäre es eine gute Idee die heutigen deutschen Diplomaten in Zagreb als Schutzpatrone zum Ausgraben der deutsch-österreichischen Landser zu engagieren. Jene wurden von den Jugo-Kommunisten im Sommer 1945 ermordet und ihre Knochen liegen noch immer hinter dem Hotel „Imperijal“ der Stadt Rab, auf der kroatischen Insel Rab.

Aber die Reichsidee in Mitteleuropa kann so lange nicht belebt werden, bis das ganze Europa sich geistig und psychologisch am kommunistischen und liberalistischen Erbe weiternährt. Trotz des Zusammenbruchs des Kommunismus im gesamten ost- und mitteleuropäischen Raum ist es noch immer unmöglich, einen ehemaligen jugoslawischen Kommissar vor Gericht zu bringen. Nicht ein einziger Altkommunist im heutigen Kroatien wurde wegen der Teilhabe an Verbrechen gegen das kroatische Volk zur Rechenschaft gezogen.

Im Zusammenschluss kann man sagen, dass die Reichsidee die beste Lösung für die verfeindeten europäischen Völker anbietet. Aber auch die beste Lösung zur Erhaltung unserer Identität. Die Reichsidee und die Sankt- Georgs-Ritter beriefen sich während ihrer Geschichte nicht auf chauvinistische oder multikulturelle, oder von Selbsthass getriebene  Projekte, die heute inmitten der heutigen politischen Klasse Europas gängig sind.

Aus völkerrechtlicher Sicht hat Kroatien wenig mit seiner Selbstständigkeit erreicht. Das Land ist heute geistig krank, halb-souverän und man sollte sich 20 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung und 16 Jahre nach dem Kriege fragen, was die Kroaten mit ihrer Unabhängigkeit überhaupt erzwungen haben. Kroatiens Souveränität wird heute so oder so nicht in Belgrad, sondern in Brüssel und Washington ausgeübt.

Viele Parallelen gibt es zwischen Deutschland Österreich und Kroatien. Geographisch ist Kroatien wie auch Transsylvanien ein Land des Donau-Beckens, das völlig von dem mitteleuropäischen Geist durchgedrungen ist. Es ist vor allem die Reichsidee, die die Kroaten bis heute am Leben erhalten hat. In den Augen der Kroaten sind Österreich und Deutschland nicht nur die wichtigsten Länder Europas, sondern die Verkörperung Europas schlechthin. Ein kleines zwischeneuropäisches Volk, wie die Kroaten, oder Slowaken wird nie eine große Rolle in der Politik spielen. Alles was sich in Berlin oder in Wien abspielt, wird sich am folgenden Tage in Kroatien abspielen. Und das war immer so in der Geschichte Kroatiens.

Für Kroaten, Serben, Deutsche, Ungarn, Rumänen, Slowaken und andere Mitteleuropäer liegt indes der einzige Weg zur Souveränität im Verlassen des Provinznationalismus, so wie in der Abwerfung eines abstrakten Globalismus. Das Ziel aller Kroaten und aller Mitteleuropäer sollte vielmehr die gemeinsame Behauptung der Reichsidee sein.

 http://www.oezv.or.at/zeitschriften.php?id=24 

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